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Die Landschaft der Cinque Terre, wie wir sie heute sehen, ist von Menschen - den Bewohnern der Gegend - geformt. Sie ist ein Natur-Kunstwerk. Die menschliche Prägung des Landes begann vor rund siebenhundert Jahren mit der Rodung der Wälder, die damals die Hänge bedeckten, und mit der Terrassierung der Anbauflächen. Gewiß hatten die Bauern dabei keine ästhetischen Ziele im Auge. Das Land sollte nutzbar gemacht werden. Aber das Ergebnis, in seiner Art außergewöhnlich, war auch ein ästhetisches: Die unendlichen Reihen der Steinmäuerchen mit den darüberliegenden winzigen Anbauflächen, geometrisch geordnet und zugleich den leichten Schwüngen und Unregelmäßigkeiten der Hänge angepaßt, bilden ein gewaltiges Landschafts-Muster. Besonders eindrucksvoll wirkt dieses Bild, wenn man es von oben sieht (z.B. vom Wanderweg zwischen Corniglia und Volastra).
Heute ist dies Kunstwerk vom Verfall bedroht. In den letzten vierzig Jahren haben die Einheimischen - fast ausnahmslos Nebenerwerbslandwirte - rund zwei Drittel der ehemaligen Weinberge, Olivenhaine und Gemüsefelder aufgegeben. Mit steigendem Wohlstand ist die Arbeit vielen zu mühselig geworden; ökonomisch lohnt sie den Aufwand ohnehin nicht, denn die Böden sind karg und die Anmarschwege lang. Viele Terrassen werden nicht mehr instandgehalten, die Mauern brechen zusammen. Sie sind aber keineswegs nur für Nostalgiker von Bedeutung, sondern für die Cinque Terre lebenswichtig. Denn die muretti a secco (trocken - d.h. ohne Mörtel - gebaute Mäuerchen) regulieren den Wasserhaushalt des Gebiets. Sie stauen bei starken Regenfällen das Wasser und sorgen für einen langsamen Abfluß. Damit verhindern sie Überschwemmungen und Erdrutsche, die an den sehr steilen Hängen leicht eintreten können. Sie übernehmen die Funktion der Wälder, die einstmals die Hänge konsolidierten. Diese Wälder sind unwiderruflich verschwunden. Nun führt kein Weg mehr zurück - entweder bleiben die Mauern und Terrassen erhalten oder die Cinque Terre in ihrer heutigen Form gehen unter. Wenn das Land nicht mehr genutzt wird, rückt der Buschwald vor; die Mauern brechen allmählich ein und stürzen auf die jeweils tieferliegende Terrasse. So lagern sich immer größere Gewichte ab, und irgendwann wird eine kritische Grenze erreicht, an der riesige Massen von Erde und Steinen zu Tal stürzen, mit unabsehbaren Folgen für die Landschaft und die Dörfer. “Mit mathematischer Gewißheit”, sagt Dr. Stefano Pintus vom Geologischen Amt in La Spezia, “rutschen irgendwann sämtliche Hänge der Cinque Terre ab, wenn sich niemand mehr um die muretti kümmert.” Pintus schätzt, daß dieser Punkt in etwa 50 Jahren erreicht ist, wenn die Entwicklung so weiter geht wie bisher. Viele kleine, vorerst noch harmlose Erdrutsche in den letzten Jahren lassen seine Prognose eher optimistisch erscheinen.
Mehr dazu in meinem Cinque-Terre-Führer, S.300-305

