Leben im Urlaubsparadies

 

Cinque Terre - für die Touristen sind das fünf idyllische Dörfer aus dem Mittelmeer-Bilderbuch, begeisternde Wanderwege und versteckte Felsbuchten. Die reine Idylle. Für die Einheimischen sieht es etwas anders aus. Sie wissen zwar genau, daß sie in einer einzigartig schönen Landschaft leben. Aber sie erleben in ihrer Heimat auch Seiten, von denen man als Urlaubsgast nur wenig mitbekommt. Davon handelt der folgende Text und außerdem zwei Leseproben aus meinem Cinque-Terre-Führer

 

 

 

Bedrohte Schönheit

 

 

Das Dorf bestand aus "fürchterlichen Spelunken, aus denen aller mögliche Dreck in den Fluß geworfen wurde. Der Gestank menschlicher Exkremente war erstickend. Kein Geschäft; kein Einwohner, der sich bei unserem Anblick nicht zurückgezogen hätte. Und wir stiegen zwischen diesen schwarzen und schmutzigen Höhlen, zwischen diesen Abgründen von Gewölben und stinkenden Treppen zum Hafen hinab." Der Florentiner Maler Telemaco Signorini notierte solche Reiseeindrücke 1860 bei seinem Besuch der Cinque Terre. Hundertvierzig Jahre später brechen Touristen aus aller Welt an den gleichen Orten in Begeisterungsstürme aus. Die "malerischen, farbigen Dörfer", die "faszinierende Steilküste" und die "wunderbaren Fußpfade hoch über dem Meer" gehören mittlerweile sogar zum Programm Italy in ten days vieler amerikanischer Reiseführer - gleichberechtigt mit Florenz und Venedig. Zehntausende von Tagesausflüglern belagern an manchen Ferientagen die fünf Ortschaften im Südosten der ligurischen Riviera, von denen keine mehr als fünfzehnhundert Einwohner zählt.

 

Was Signorini schockierte, sollte sich gut ein Jahrhundert später als Trumpf erweisen: Die einstige Armut und Rückständigkeit dieser Gegend, vor allem aber ihre Unzugänglichkeit bildeten den Nährboden für einen beispiellosen touristischen Boom. Einige Cinque-Terre-Dörfer waren bis in die siebziger Jahre nicht mit dem Auto erreichbar. Noch heute sind die kurvigen, engen Stichstraßen, die nach Vernazza und Corniglia führen, nur äußerst mühselig zu befahren. Die Ortschaften in schmalen Buchten, am Fuß unwegsam steiler Hänge, blieben aufgrund ihrer Lage verschont vom Kraftfahrzeug - und auch vor der Landschaftszersiedlung, die fast allen anderen Ufern Italiens häßliche Wunden geschlagen hat. In den Cinque Terre gibt es nur wenige Neubauten und keinen größeren Hotelkomplex.

 

Ein Wanderparadies

 

Als weitgehend autofreie Region sind die Cinque Terre mittlerweile zu internationalem Ruf gelangt. Die UNESCO hat die Gegend zum Weltkulturerbe erklärt. Weil die jahrhundertealte Armut inzwischen der Vergangenheit angehört, sind die Orte schöner als je zuvor. Keine Spur mehr von dem Schmutz, über den Telemaco Signorini klagte; die Hausfassaden erstrahlen in leuchtenden Rot-, Ocker-, Gelb- und Blau-Tönen, die mittelalterlichen Kirchen sind ordentlich restauriert. Dörfer aus dem Mittelmeer-Bilderbuch, ohne Zweifel. Vernazza, das kühn auf einen Felssporn gebaute Dorf, ist vermutlich die meistfotografierte Ortschaft Italiens und ziert mit beeindruckender Konsequenz jede Ligurien-Reportage.

 

Auf halber Höhe über dem Meer verlaufen die alten Verbindungspfade zwischen den Dörfern. Sie haben sich zu den beliebtesten Wanderrouten Italiens entwickelt. Mit guten Gründen: Kaum irgendwo sonst können Wanderer solch spektakuläre Eindrücke erleben. Eine üppige subtropische Vegetation - Agaven und Opuntien, Orangenbäume und Zitronenpflanzungen - wechselt mit kargen Hängen, an denen zwischen nackten Felswänden Ginster und Wolfsmilch gedeihen. Dann wieder geht man durch das bäuerliche Kulturland der Olivenbäume und Weinreben, die auf sorgfältig terrassiertem Gelände wachsen. Von den schmalen Pfaden blickt man fast immer aufs Meer, steile Hänge ziehen sich an der Landseite hoch und im Hintergrund des Bildes erscheinen die kompakten Dörfer mit ihren farbigen Häusern. Ganzjährig blühen Bäume, Büsche und Blumen, von den strahlend gelben Mimosen im Januar über die explodierende Blütenpracht des Frühjahrs bis zu den letzten Rosen im Dezember.

 

Die Cinque Terre bieten so den äußeren Eindruck der perfekten Idylle - solange sie nicht von Ausflüglermassen im Sturm genommen werden. Das aber passiert immer häufiger. Nicht nur in den Dörfern kommt es zu Gedränge, sondern auch auf den Wanderwegen bilden sich an manchen Tagen an Engpässen immer wieder Schlangen. Auf den winzigen Bahnhöfen von Vernazza und Manarola dauert es manchmal mehr als fünf Minuten, bis alle einsteigenden Touristen zum Zuge gekommen sind.

 

Gefährdete Landschaft

 

Der massenhafte Touristenandrang fällt bei einem Cinque-Terre-Aufenthalt sofort ins Auge. Aber andere, weniger sichtbare Risiken bedrohen noch stärker das natürliche und soziale Gleichgewicht der Region. Ungelöst ist vor allem die Frage, wie die bäuerlichen Terrassenkulturen erhalten werden können. An den Steilhängen des Gebiets haben die Einheimischen seit dem Mittelalter in mühseliger Arbeit Terrassen für die Landwirtschaft angelegt. Die kunstvoll aufgeschichteten Steinmäuerchen, die muretti, welche die Terrassen abstützen, sind insgesamt etwa siebentausend Km lang - dabei beträgt die Entfernung zwischen den Orten in der Luftlinie nur rund zehn Km! Diese Terrassen sind von zentraler Bedeutung für das geologische Gleichgewicht. Sie regulieren den Wasserhaushalt, verhindern Überschwemmungen und Erdrutsche.

 

Die muretti müssen ständig ausgebessert und erneuert werden. Das aber geschieht nicht mehr. Seit den sechziger Jahren haben die Einheimischen etwa zwei Drittel der ehemaligen Weinberge und Olivenhaine aufgegeben. Viele Flächen werden vom Buschwald überwuchert; die Mauern brechen nach und nach ein und stürzen auf die jeweils tieferliegende Terrasse. Irgendwann wird eine kritische Grenze erreicht, an der riesige Massen von Erde und Steinen zu Tal stürzen, mit unabsehbaren Folgen für die Landschaft und die Dörfer.

 

Nicht nur Naturkatastrophen bedrohen die scheinbare Idylle. Auch soziale Verwerfungen deuten sich an. Die zunehmende Popularität des Küstenabschnitts hat die Immobilienpreise in die Höhe getrieben. Wohnungen in den Cinque-Terre-Dörfern sind bei auswärtigen Käufern äußerst begehrt. Das begrenzte Angebot und die restriktiven Bauvorschriften machen sie gleichsam zu Sammlerstücken. Mieten und Preise steigen unverhältnismäßig. Auf längere Zeit könnte sich eine ähnliche Situation entwickeln wie in dem nahegelegenen Nobel-Urlaubsort Portofino, wo seit langem kaum noch Einheimische wohnen und die hübschen Fischerhäuser fast ausnahmslos als Zweitwohnsitze dienen.

 

Der Nationalpark

 

Touristische Überfüllung, Gefährdung der traditionellen Landschaftsform, Verdrängung der Einheimischen: Der äußere Anschein der perfekten Harmonie täuscht, das Landschafts- und Sozialgefüge der Cinque Terre ist gefährdet. Nur kluge Planung und durchdachte Strategien können die Region lebensfähig erhalten.

 

Solche Strategien entwirft der im Jahr 2000 eingerichtete "Nationalpark Cinque Terre" unter dem dynamischen Präsidenten Franco Bonanini. Bonanini hat sich als Bürgermeister von Riomaggiore den Ruf eines kreativen, dynamischen Politikers erworben. Bereits 1992 koppelte er in seiner Gemeinde die Genehmigung zum Ausbau von rustici - den kleinen, über das Land verstreuten Steinhäusern - an die Verpflichtung, mindestens 3000 qm Land landwirtschaftlich zu nutzen. Auf diese Weise wurden auch die auswärtigen Ferienhauskäufer verpflichtet, zur Erhaltung des Landschaft beizutragen. Ähnliche Maßnahmen schlägt die Nationalparkverwaltung jetzt in großem Stil für die gesamte Region vor. Sie verpachtet kostenlos Land - auch an Ortsfremde - für 20 Jahre mit der Auflage, dieses Terrain zu bebauen oder durch Dritte bebauen zu lassen. Mit Hilfe solcher "Patenschaften" möchte Bonanini erreichen, daß die aufgegebenen Agrarflächen der Cinque Terre nach und nach wieder genutzt werden. Levanto ist in den Sommerferien ein „klassischer“ Badeort mit guter Infrastruktur (Duschen, Umkleidekabinen - natürlich gebührenpflichtig; Gelaterie und Bars in Strandnähe). In Bonassola geht es vergleichsweise ruhig zu, in Moneglia herrscht etwas mehr Betrieb.

 

Doch die Patenschaften allein werden nicht ausreichen, um die kostspielige Rekultivierung des Landes zu finanzieren. Um die benötigten Gelder aufzutreiben, bricht die Nationalparkverwaltung ein bislang noch immer respektiertes Tabu: Für den beliebtesten Wanderweg zwischen Vernazza und Riomaggiore wird seit 2001 eine Eintrittsgebühr erhoben.

Franco Bonanini setzt konsequent auf Planung. Die Regeln des freien Marktes, so hat er in einem Interview geäußert, werden "hier jedes normale Leben und soziale Gefüge zerstören...Dann kommt der Tag, an dem wir ein paar Leute als Bauern verkleiden müssen, um behaupten zu können, daß es hier noch welche gibt....Wir müssen versuchen, durchzusetzen, was vernünftig ist und dazu dient, die Sozialstrukturen der Cinque Terre zu erhalten, auch wenn die Chancen gering sind."

Das ist ein anspruchsvolles, schwieriges Vorhaben. Denn die Cinque Terre sind mit ihren alten Dörfern, ihren gewundenen Maultierpfaden, ihren mühselig bearbeiteten Weinbergen ein Fremdkörper in der modernen Welt. Das macht ihre Faszination und ihre Gefährdung aus. Wenn man den Dingen einfach ihren Lauf läßt, werden ihre Landschaften und Orte verschwinden. Nur bewußte Planung kann die Gegend erhalten. Man kann nur hoffen, daß dieses Experiment einer ökologisch und sozial durchdachten Entwicklung Erfolg hat.

 

Christoph Hennig

 

Eine ausführlichere Fassung dieses Texts erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 22.3.2001.